Am 25. März 2017 veranstaltete die Fédération congolaise de musique chorale im Centre culturel Mont des Arts in Kinshasa ein Chorkonzert unter dem Titel „Africa Cantat 2017“.
Mehrere Vokalensembles nahmen an dem Programm teil.
Für sich genommen könnte die Veranstaltung als eines von vielen Konzerten betrachtet werden.
In ihrem institutionellen Umfeld zeigt sie jedoch etwas anderes.
Einen Verband.
Einen Kulturort.
Ensembles.
Ein Publikum.
Partner.
Und im Hintergrund ein umfassenderes Projekt, das darauf zielte, die kongolesische Chorpraxis mit afrikanischen und internationalen Netzwerken zu verbinden.
Das Konzert wird damit zu einem Beobachtungspunkt für eine allgemeinere Frage:
Wie entwickelt sich eine kollektive künstlerische Praxis schrittweise zu einer organisierten Szene?
Eine Szene beginnt nicht auf der Bühne
Chormusik wird im Moment der Aufführung sichtbar.
Sängerinnen und Sänger.
Ein Dirigent.
Ein Repertoire.
Ein Publikum.
Ein großer Teil dessen, was ein Konzert überhaupt ermöglicht, bleibt jedoch unsichtbar.
Proben.
Ausbildung.
Koordination.
Die Bildung von Ensembles.
Informationszirkulation.
Die Suche nach Räumen.
Die Organisation von Programmen.
Beziehungen zwischen Strukturen.
Diese vorbereitende Arbeit bildet die Infrastruktur der Chorpraxis.
Der Verband als Koordinationsstruktur
Die Fédération congolaise de musique chorale nahm innerhalb dieser Organisation eine wichtige Position ein.
Ein Fachverband produziert nicht notwendigerweise selbst alle künstlerischen Praktiken, die er vertritt.
Er erfüllt eine andere Funktion.
Verbinden.
Koordinieren.
Strukturieren.
Begegnungen schaffen.
Informationsaustausch fördern.
Ensembles kollektiv sichtbar machen, die sonst möglicherweise voneinander getrennt bleiben würden.
Das Konzert vom 25. März 2017 machte genau diese Funktion sichtbar.
Mehrere Formationen traten innerhalb eines gemeinsamen öffentlichen Rahmens auf.
Vom einzelnen Chor zur Chorszene
Dass mehrere Chöre in einer Stadt existieren, reicht allein noch nicht aus, um von einer Szene zu sprechen.
Es müssen auch Beziehungen zwischen ihnen entstehen.
Sie müssen sich begegnen können.
Informationen teilen.
An gemeinsamen Veranstaltungen teilnehmen.
Sich zueinander positionieren.
Von einem Publikum oder anderen Kulturakteuren wahrgenommen werden.
Wenn sich diese Beziehungen verdichten, wird ein organisiertes Milieu erkennbar.
Eine Szene erscheint damit weniger als einzelne Institution denn als Netzwerk von Beziehungen.
Mont des Arts als kulturelle Infrastruktur
Das Centre culturel Mont des Arts spielte in dieser Konstellation eine besondere Rolle.
Die Fédération congolaise de musique chorale verfügte dort damals über einen organisatorischen Ankerpunkt.
Das Centre nahm zugleich unterschiedliche künstlerische und kulturelle Aktivitäten auf.
Der Ort sollte daher nicht als bloßer physischer Behälter verstanden werden.
Er bietet eine Adresse.
Räume.
Programmiermöglichkeiten.
Einen Treffpunkt.
Sichtbarkeit.
Er ermöglicht es unterschiedlichen Strukturen, in einem öffentlich identifizierbaren Raum präsent zu sein.
Ein Ort kann Beziehungen strukturieren
Die Bedeutung eines Kulturzentrums liegt nicht nur in dem, was es selbst programmiert.
Sie liegt auch in den Beziehungen, die es ermöglicht.
Eine Organisation kann dort ein Büro haben.
Eine andere eine Sitzung abhalten.
Künstlerinnen und Künstler können dort proben.
Ein Publikum kann eine Aufführung besuchen.
Partner können sich dort treffen.
Der Ort wird dadurch zu einer relationalen Infrastruktur.
Er bringt Akteure räumlich zusammen, die nicht notwendigerweise dieselben Funktionen erfüllen.
Mont des Arts und OCPA
Diese Dimension war im Mont des Arts besonders sichtbar.
Das Centre unterhielt damals eine Partnerschaft mit dem Observatory of Cultural Policies in Africa (OCPA).
Das OCPA arbeitete zu Dokumentation, Vernetzung und Entwicklung afrikanischer Kulturpolitiken.
In diesem Zusammenhang war das Centre auch ein Ort, an dem lokale Kulturakteure und breitere Fragen der Strukturierung kultureller Sektoren aufeinandertreffen konnten.
Diese Beziehung hilft, Mont des Arts nicht nur als Veranstaltungsort, sondern auch als Raum innerhalb von Netzwerken kultureller Reflexion und Kooperation zu verstehen.
Africa Cantat als internationales Projekt
Diese Dynamik erhielt mit dem Projekt Africa Cantat eine besondere Dimension.
Das erste Festival war für den Zeitraum vom 6. bis 12. August 2017 in Kinshasa angekündigt worden.
Auf afrikanischer Ebene wurde es von der Confédération africaine de musique chorale getragen, mit Unterstützung der kongolesischen Föderation und der Beteiligung internationaler Partner des Chorbereichs.
Das Projekt sollte Chöre, Chorleiterinnen und Chorleiter, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Akteure aus verschiedenen Ländern rund um die Chorpraxis zusammenbringen.
Kinshasa sollte dadurch vorübergehend zu einem Begegnungsort für eine wesentlich größere Chorszene werden.
Die Rolle des Mont des Arts in der Vorbereitung
Die Verbindung zwischen dem Centre und Africa Cantat war nicht nur symbolisch.
Im Mont des Arts fanden Sitzungen des nationalen Organisationskomitees des Festivals statt.
Der Exekutivdirektor des OCPA nahm selbst an Vorbereitungstreffen im Centre teil.
Die lokale Chorprogrammierung, die Präsenz der Föderation und die Vorbereitungen des Festivals gehörten damit tatsächlich zu einem miteinander verbundenen institutionellen Umfeld.
Das bedeutet nicht, dass jedes im Centre veranstaltete Konzert automatisch eine offizielle Etappe des Festivals war.
Aber diese Aktivitäten fanden innerhalb desselben Prozesses von Strukturierung und Vernetzung statt.
Das März-Konzert war nicht das Festival
Diese Unterscheidung ist wichtig.
Das Konzert vom 25. März trug den Titel „Africa Cantat 2017“.
Es war jedoch nicht das für August angekündigte internationale Africa-Cantat-Festival.
Eine Gleichsetzung beider Veranstaltungen würde zu einer historischen Ungenauigkeit führen.
Das März-Konzert war eine lokale Aktivität der Fédération congolaise de musique chorale.
Das Festival war ein wesentlich umfangreicheres internationales Vorhaben.
Das Konzert erlaubt dennoch einen Blick auf das lokale Umfeld, in dem dieses größere Projekt damals vorbereitet wurde.
Ein angekündigtes Festival, das 2017 nicht in Kinshasa stattfand
Die heutige Rückschau ermöglicht auch eine Ergänzung der damals verfügbaren Informationen.
Das für August 2017 angekündigte Festival fand schließlich nicht wie geplant in Kinshasa statt.
Das Projekt Africa Cantat wurde später mehrfach verschoben und neu organisiert.
Diese Entwicklung verweist auf eine wichtige Realität internationaler Kulturprojekte.
Ankündigen.
Vorbereiten.
Mobilisieren.
Ein Komitee bilden.
Partnerschaften schaffen.
All diese Schritte garantieren nicht, dass eine Veranstaltung schließlich wie vorgesehen durchgeführt wird.
Eine Kooperationsinfrastruktur kann entstehen, auch wenn sich der endgültige Zeitplan oder Veranstaltungsort verändert.
Auch Projekte dokumentieren, die nicht wie geplant stattfinden
Dieser Punkt besitzt dokumentarischen Wert.
Kulturarchive bewahren häufig vor allem die tatsächlich realisierten Veranstaltungen.
Festivals.
Konzerte.
Ausstellungen.
Publikationen.
Doch auch verschobene oder veränderte Projekte sind aufschlussreich.
Sie zeigen die Ambitionen eines Sektors.
Die mobilisierten Netzwerke.
Vorhandene organisatorische Kapazitäten.
Aufgetretene Einschränkungen.
Partner, die miteinander arbeiten wollten.
Die Geschichte von Africa Cantat erlaubt daher einen Blick auf den Aufbau eines Netzwerks jenseits der bloßen Durchführung des Festivals.
Vom Lokalen zum Internationalen
Die Chorszene in Kinshasa funktionierte damals auf mehreren Ebenen.
Auf lokaler Ebene probten Ensembles und traten öffentlich auf.
Auf nationaler Ebene versuchte ein Verband, den Bereich zu strukturieren.
Auf afrikanischer Ebene entwickelte eine Konföderation Beziehungen zwischen mehreren Ländern.
Auf internationaler Ebene waren Partnerorganisationen aus dem Chorbereich in breitere Netzwerke eingebunden.
Diese Ebenen dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Sie können sich jedoch verbinden.
Gerade diese Fähigkeit zur Verbindung verwandelt eine lokale Praxis schrittweise in einen Bestandteil eines größeren Ökosystems.
Künstlerische Praxis braucht Vermittler
Ein Chor kann mit seinen Sängerinnen, Sängern und seiner Leitung existieren.
Der Zugang zu einer größeren Szene erfordert jedoch häufig weitere Akteure.
Einen Verband.
Einen Organisator.
Einen Ort.
Einen Partner.
Eine Kommunikationsstruktur.
Ein professionelles Netzwerk.
Diese Vermittler stehen nicht notwendigerweise selbst auf der Bühne.
Sie tragen dennoch dazu bei, die Bühne möglich zu machen.
Kommunikation produziert ebenfalls Sichtbarkeit
2017 gehörte die Kommunikation rund um die Aktivitäten des Mont des Arts zu diesem Umfeld.
Blaise Puala arbeitete damals mit dem Centre als Kommunikationsverantwortlicher zusammen, während Ciel Bleu mehrere seiner Aktivitäten vermittelte und dokumentierte.
Diese Position eröffnete einen besonderen Blick auf die Veranstaltungen.
Nicht nur als Zuschauer.
Nicht als Künstler.
Sondern aus dem Raum heraus, in dem eine Aktivität in öffentliche Information übersetzt werden muss.
Daten.
Programme.
Akteure.
Bilder.
Berichte.
Kommunikation ist selbst eine Infrastruktur der Sichtbarkeit.
Was öffentlich wird, hinterlässt Spuren
Eine nicht dokumentierte Veranstaltung kann schnell aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden.
Eine Ankündigung.
Eine Fotografie.
Ein Artikel.
Ein Programm.
Ein Bericht.
Solche Elemente können im Moment ihrer Entstehung nebensächlich erscheinen.
Jahre später sind sie manchmal die einzigen verfügbaren Spuren, um ein kulturelles Umfeld zu rekonstruieren.
Die Veröffentlichung vom März 2017 erfüllt heute genau diese Funktion.
Von der Kommunikation zum Archiv
Damals diente der Text vor allem der Information.
Ein Konzert fand statt.
Chöre nahmen teil.
Ein Publikum wurde eingeladen.
Heute verändert sich seine Funktion.
Er wird zu einem Archiv, das verschiedene Beziehungen rekonstruierbar macht.
Zwischen einem Verband und einem Kulturzentrum.
Zwischen Ensembles und einem Aufführungsort.
Zwischen lokaler Programmierung und einem internationalen Projekt.
Zwischen Mont des Arts und dem OCPA.
Zwischen kultureller Kommunikation und dem Gedächtnis eines Ökosystems.
Eine Kulturszene ist ein Beziehungssystem
Diese Rückschau präzisiert schließlich auch, was unter einer Szene verstanden werden kann.
Eine Chorszene besteht nicht nur aus allen Chören einer Stadt.
Sie umfasst auch die Strukturen, die sie miteinander verbinden.
Die Orte, an denen sie sichtbar werden können.
Die Organisationen, die Begegnungen schaffen.
Die Netzwerke, die eine breitere Zirkulation ermöglichen.
Die Fachleute, die Koordination, Kommunikation und Ausbildung übernehmen.
Die Publika, die Aufführungen gesellschaftliche Existenz verleihen.
Eine Szene entsteht, wenn diese verschiedenen Elemente beginnen, miteinander zu funktionieren.
Fazit
Das Konzert vom 25. März 2017 im Centre culturel Mont des Arts mag im Maßstab der Musikgeschichte Kinshasas bescheiden erscheinen.
Sein dokumentarischer Wert liegt jedoch an anderer Stelle.
Es erlaubt den Blick auf einen Moment, in dem mehrere Infrastrukturen aufeinandertrafen.
Eine kongolesische Föderation für Chormusik.
Ein Kulturzentrum.
Vokalensembles.
Eine Kommunikationsstruktur.
Ein Partner, der sich mit afrikanischer Kulturpolitik beschäftigte.
Und der Horizont eines internationalen Vernetzungsprojekts.
Africa Cantat fand 2017 letztlich nicht wie geplant in Kinshasa statt.
Doch die Vorbereitungen, Sitzungen, Partnerschaften und Aktivitäten rund um dieses Vorhaben bleiben Spuren eines Strukturierungsprozesses.
Sie zeigen, dass eine künstlerische Szene nicht allein durch die Werke entsteht, die einem Publikum präsentiert werden.
Sie entsteht auch durch die Verbände, die koordinieren, die Orte, die aufnehmen, die Vermittler, die Beziehungen herstellen, die Fachleute, die kommunizieren, und die Netzwerke, die Praktiken in Zirkulation bringen.
Gerade diese Infrastruktur, die oft wesentlich weniger sichtbar ist als das Konzert selbst, bildet heute den zentralen Wert dieses Archivs für Kultur Insights.
Redaktioneller Hinweis — Dieser Text geht auf eine Veröffentlichung von Blaise Puala zurück, die ursprünglich am 26. März 2017 auf Ciel-Bleu.org über das am Vortag von der Fédération congolaise de musique chorale im Centre culturel Mont des Arts in Kinshasa organisierte Konzert „Africa Cantat 2017“ erschien. Blaise Puala arbeitete damals direkt mit dem Centre als Kommunikationsverantwortlicher zusammen, in einem Arbeitsumfeld, das insbesondere mit dem Observatory of Cultural Policies in Africa verbunden war, einem Partner des Mont des Arts. Das Centre beherbergte außerdem vorbereitende Aktivitäten für das erste internationale Africa-Cantat-Festival, das damals für August 2017 in Kinshasa angekündigt war, dort jedoch letztlich nicht nach dem vorgesehenen Zeitplan stattfand. Für die Bibliothek Kultur Insights wurde der Text vollständig überprüft, überarbeitet und neu ediert, um seinen Wert als Feldarchiv zu bewahren und die Analyse zugleich auf die Beziehungen zwischen Chorpraxis, Fachverband, Kulturort, Kommunikation und Vernetzung zu konzentrieren.


