Interkulturalität nimmt seit mehreren Jahrzehnten einen wichtigen Platz in Kulturpolitik, Bildung, internationaler Zusammenarbeit und kultureller Vermittlung ein.
Der Begriff bezeichnet in der Regel Begegnungen zwischen Menschen oder Gruppen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten sowie die Möglichkeit eines Dialogs, der Verständnis, Austausch und gegenseitiges Lernen fördern kann.
Diese Definition bleibt nützlich.
Sie reicht jedoch nicht aus, wenn sie voraussetzt, dass sich die Beteiligten unter vergleichbaren Bedingungen begegnen, dass Kulturen klar abgegrenzte Einheiten bilden oder dass Dialog bestehende Machtunterschiede ausgleichen könne.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Interkulturalität aufgegeben werden sollte.
Vielmehr geht es darum, unter welchen Bedingungen der Begriff weiterhin geeignet ist, kulturelle Beziehungen zu beschreiben, die mobiler, stärker verflochten und häufig asymmetrischer geworden sind.
Von der Begegnung zwischen Kulturen zu Beziehungen zwischen Akteuren
Eine erste Schwierigkeit liegt bereits im Begriff selbst.
Von Beziehungen „zwischen Kulturen“ zu sprechen, kann den Eindruck erwecken, zwei relativ stabile Einheiten träten miteinander in Kontakt und entwickelten anschließend einen Dialog.
Konkrete Situationen sind jedoch selten so eindeutig.
Es begegnen sich keine abstrakten Kulturen, sondern Menschen, Organisationen, Institutionen, Künstlerinnen und Künstler oder soziale Gruppen mit unterschiedlichen und oftmals mehrfachen Bezugssystemen.
Eine einzelne Person kann durch mehrere Sprachen, Zugehörigkeiten, Migrationserfahrungen, berufliche Praktiken oder Familiengeschichten geprägt sein.
Auch eine Institution kann gleichzeitig in mehreren nationalen oder internationalen Räumen tätig sein.
Interkulturalität wird daher analytisch präziser, wenn sie nicht versucht, feste kulturelle Identitäten zu definieren, sondern die Beziehungen zwischen situierten Akteuren untersucht.
Dialog hebt Asymmetrien nicht auf
Im interkulturellen Vokabular nehmen Austausch, gegenseitiges Verständnis und Dialog häufig eine zentrale Stellung ein.
Diese Dimensionen bleiben wichtig.
Sie reichen jedoch nicht aus, um die tatsächlichen Bedingungen vieler kultureller Kooperationen zu beschreiben.
Zwei Partner können am selben Projekt beteiligt sein, ohne über dieselben finanziellen Ressourcen, denselben Zugang zu internationalen Netzwerken, dieselbe Entscheidungsmacht oder dieselbe institutionelle Sichtbarkeit zu verfügen.
Eine interkulturelle Begegnung kann daher offen für Dialog sein und zugleich strukturell asymmetrisch bleiben.
Diese Realität anzuerkennen bedeutet nicht, die Möglichkeit von Kooperation in Frage zu stellen.
Im Gegenteil: Es ermöglicht, ihre Bedingungen genauer zu analysieren.
Die Fragen lauten dann: Wer definiert den Rahmen des Austauschs? Wer bestimmt die Themen? Wer kontrolliert die Ressourcen? In welcher Sprache wird das Projekt entwickelt? Und wer verfügt anschließend über die größere Fähigkeit, die Ergebnisse zirkulieren zu lassen?
Interkulturalität bleibt dann relevant, wenn sie auch solche Fragen zulässt.
Nicht alle Unterschiede sind kulturell
Eine weitere Grenze des Begriffs zeigt sich dort, wo „Kultur“ zur Hauptursache jedes Konflikts erklärt wird.
Unterschiede zwischen Partnern können als kulturell interpretiert werden, obwohl sie in Wirklichkeit institutionelle, berufliche, wirtschaftliche oder politische Ursachen haben.
Ein Konflikt über Projektmanagement ist nicht zwangsläufig ein „kulturelles Missverständnis“.
Unterschiedliche Vorstellungen von Zeitplanung können aus unterschiedlichen personellen Ressourcen entstehen.
Kommunikationsprobleme können durch eine vorgegebene Arbeitssprache verursacht werden.
Eine ungleiche Verteilung von Verantwortung kann auf Finanzierungsstrukturen zurückgehen und nicht auf unterschiedliche Werte.
Spannungen vorschnell kulturell zu erklären, kann daher gerade jene konkreten Strukturen verdecken, die sie hervorbringen.
Interkulturelle Analyse wird präziser, wenn sie unterscheidet, was tatsächlich mit kulturellen Bezugssystemen zusammenhängt und was aus Organisation, Ressourcen, Status oder Machtverhältnissen resultiert.
Interkulturalität unter Bedingungen von Mobilität
Zeitgenössische Mobilität erschwert zusätzlich die Vorstellung klar voneinander getrennter kultureller Kontexte.
Migration, Diaspora, internationale Studienbiografien, professionelle Netzwerke, digitale Plattformen und transnationale künstlerische Kooperationen schaffen Lebenswege, die mehrere Territorien gleichzeitig durchqueren.
Menschen wechseln in solchen Situationen nicht einfach von einer Kultur in eine andere.
Sie entwickeln Praktiken, Referenzen und Beziehungen aus mehreren Räumen zugleich.
Der Begriff der Interkulturalität kann bei der Analyse dieser Situationen weiterhin hilfreich sein, sofern die Beziehung nicht auf eine Begegnung zwischen nationalen Herkunftskulturen reduziert wird.
Er muss bewegliche Identitäten, Mehrfachzugehörigkeiten und Zirkulationsformen berücksichtigen können, durch die kulturelle Grenzen weniger eindeutig werden.
Das Problem besteht also nicht darin, dass Kulturen verschwunden wären.
Vielmehr lässt sich ihre Beziehung nicht mehr immer als Begegnung zwischen klar voneinander getrennten Blöcken beschreiben.
Sprache, Übersetzung und die Macht der Kontextualisierung
Jede interkulturelle Beziehung besitzt auch eine sprachliche Dimension.
Die Sprache, die in einem Treffen, einer Ausstellung, einer Publikation oder einer internationalen Kooperation verwendet wird, beeinflusst die Möglichkeiten der Beteiligten, sich einzubringen.
Wer die dominante Arbeitssprache sicher beherrscht, kann Gedanken in der Regel differenzierter formulieren, leichter verhandeln und unmittelbar auf die verwendeten Referenzen zugreifen.
Teilnehmende mit geringerer Sprachsicherheit können dagegen bereits durch die Bedingungen des Austauschs in ihrer Ausdrucksfähigkeit eingeschränkt werden.
Übersetzung kann bestimmte Unterschiede verringern, beseitigt sie jedoch nicht automatisch.
Auch sie erfordert Entscheidungen über Begriffe, Erklärungen und Kontextualisierung.
Interkulturalität lässt sich daher nicht von den sprachlichen Infrastrukturen trennen, die eine Beziehung überhaupt ermöglichen.
Die Frage lautet nicht nur, ob Beteiligte miteinander sprechen können, sondern unter welchen Bedingungen jede Person ihre Position tatsächlich formulieren und verstanden werden kann, ohne vollständig die Kategorien der anderen Seite übernehmen zu müssen.
Europa–Afrika: über die Rhetorik des Dialogs hinaus
Diese Anforderung ist in den Kulturbeziehungen zwischen Europa und Afrika besonders relevant.
Von interkulturellem Dialog zu sprechen, kann sinnvoll sein, um den Anspruch auf Gegenseitigkeit zu formulieren.
Doch die Sprache des Dialogs allein erzeugt noch keine Gegenseitigkeit.
Kulturelle Kooperationen finden häufig in Systemen statt, in denen finanzielle Ressourcen, Mobilitätsmöglichkeiten, kulturelle Infrastrukturen und Verbreitungskapazitäten ungleich verteilt sind.
Eine Beziehung kann daher als interkulturell bezeichnet werden und dennoch eine deutliche Abhängigkeit eines Partners vom anderen aufrechterhalten.
Es geht dabei nicht darum, Europa und Afrika pauschal einander gegenüberzustellen.
Die Situationen sind wesentlich vielfältiger.
Entscheidend ist vielmehr, von Projekt zu Projekt zu untersuchen, wie Entscheidungen, Ressourcen, Mobilität, Narrative und Sichtbarkeit organisiert sind.
Interkulturalität wird dadurch weniger zu einem abstrakten Ideal der Begegnung als zu einer praktischen Frage darüber, wie Beziehungen zwischen unterschiedlich positionierten Akteuren gestaltet werden.
Vom Austausch zur Aushandlung
Diese Perspektive führt zu einer leichten Verschiebung des Vokabulars.
Interkulturelle Beziehungen bestehen nicht ausschließlich aus Austausch.
Sie erfordern häufig Aushandlung.
Aushandlung bedeutet nicht zwangsläufig Konflikt.
Sie bedeutet anzuerkennen, dass mehrere Akteure mit unterschiedlichen Erwartungen, Referenzen und Handlungsmöglichkeiten in eine Beziehung eintreten können.
Die Bedingungen der Zusammenarbeit müssen dann gemeinsam definiert, Methoden angepasst, Missverständnisse geklärt und mitunter Unterschiede akzeptiert werden, die sich nicht vollständig auflösen lassen.
Diese Dimension macht Interkulturalität konkreter.
Sie beruht nicht länger auf der Vorstellung vollständigen Verständnisses zwischen Kulturen.
Sie beschreibt vielmehr Beziehungsarbeit, die Zusammenarbeit trotz fortbestehender Unterschiede ermöglicht.
Ein nützlicher, aber nicht hinreichender Begriff
Interkulturalität besitzt daher weiterhin analytischen Wert.
Sie erinnert daran, dass kulturelle Beziehungen Kontextsensibilität, Interpretationsfähigkeit und die Anerkennung pluraler Bezugssysteme erfordern.
Sie kann jedoch nicht mehr als alleiniger Erklärungsrahmen funktionieren.
Um gegenwärtige kulturelle Beziehungen zu verstehen, muss sie mit weiteren Dimensionen verbunden werden: Zirkulation von Menschen und Werken, Übersetzung, institutionelle Infrastrukturen, Ressourcen, Sichtbarkeit, Machtverhältnisse und Bedingungen der Anerkennung.
Diese Verbindung vermeidet zwei gegensätzliche Fehler.
Der erste bestünde darin, den Begriff vollständig aufzugeben, weil er zu allgemein geworden sei.
Der zweite darin, ihn weiterhin als positive Formel zu verwenden, die jede internationale Begegnung ausreichend beschreiben würde.
Zwischen diesen Positionen liegt eine anspruchsvollere Möglichkeit: Interkulturalität beizubehalten und zugleich genauer zu bestimmen, was sich mit ihr tatsächlich analysieren lässt.
Fazit
Interkulturalität bleibt ein brauchbarer Begriff – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen.
Sie verliert an analytischer Schärfe, wenn Kulturen als feste Einheiten dargestellt, Symmetrie zwischen den Beteiligten vorausgesetzt oder jede Differenz kulturell erklärt wird.
Sie gewinnt dagegen an Aussagekraft, wenn sie konkrete, situierte Beziehungen untersucht: Wer begegnet wem, unter welchen Bedingungen, mit welchen Ressourcen, in welcher Sprache und mit welcher Möglichkeit, den Rahmen des Austauschs mitzubestimmen?
Die gegenwärtige Herausforderung besteht daher nicht darin, Interkulturalität endgültig hinter sich zu lassen.
Es geht darum, den Begriff zu verschieben.
Weg von einem abstrakten Modell des Dialogs zwischen Kulturen, hin zu einer konkreten Analyse von Beziehungen, Aushandlungen und Asymmetrien, die kulturelle Interaktionen strukturieren.
Unter dieser Voraussetzung kann Interkulturalität weiterhin dazu beitragen, die Komplexität zeitgenössischer kultureller Beziehungen zu verstehen.


