Übersetzen über Wörter hinaus: Sprache, Kontext und Asymmetrien kultureller Zirkulation

Cultural mediation, language and the transnational circulation of narratives

Einleitung

Kulturelle Inhalte zu übersetzen bedeutet niemals nur, Wörter durch ihre Entsprechungen in einer anderen Sprache zu ersetzen.

Ein Kunstwerk, ein kuratorischer Text, eine Publikation, ein Kulturprogramm oder ein medialer Beitrag zirkuliert immer gemeinsam mit historischen Bezügen, Kategorien, impliziten Annahmen und spezifischen Arten, die Welt zu benennen. Wenn ein solcher Inhalt von einem sprachlichen Raum in einen anderen übergeht, muss ein Teil dieses Kontextes neu formuliert, erläutert oder mitunter bewusst offengelassen werden.

Übersetzung wird dadurch zu einer Form der Vermittlung.

Sie überträgt nicht nur Inhalte. Sie trägt auch dazu bei zu bestimmen, was verständlich wird, was zusätzliche Kontextualisierung benötigt und was im Prozess der Zirkulation vereinfacht werden könnte.

Diese Frage gewinnt besonders in transnationalen kulturellen Austauschprozessen an Bedeutung, in denen Sprachen, Institutionen und Narrative nicht über dieselben Möglichkeiten der Verbreitung verfügen.

Übersetzen heißt auch, einen Deutungsrahmen zu wählen

Jede Übersetzung setzt Entscheidungen voraus.

Ein Begriff kann wörtlich übertragen, durch eine vermeintlich zugänglichere Bezeichnung ersetzt, erläutert oder in seiner ursprünglichen Sprache belassen werden.

Jede dieser Entscheidungen erzeugt einen anderen Effekt.

Wird ein kultureller Begriff durch eine dem Publikum bereits vertraute Kategorie ersetzt, kann dies seine Lesbarkeit erhöhen, zugleich aber einen Teil seiner Spezifität abschwächen. Wird der ursprüngliche Begriff beibehalten, lässt sich seine Eigenart eher bewahren, zugleich entsteht jedoch ein größerer Bedarf an Kontextualisierung.

Übersetzen bedeutet daher nicht nur, die nächstliegende sprachliche Entsprechung zu finden.

Es geht ebenso darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen ein Inhalt aus einem bestimmten kulturellen Umfeld in einem anderen gelesen werden kann, ohne vollständig in dessen Kategorien aufzugehen.

Was sich der Äquivalenz entzieht

Bestimmte Realitäten lassen sich nur schwer von einer Sprache in eine andere übertragen, weil sie eng mit einer spezifischen Geschichte, Institution oder sozialen Praxis verbunden sind.

Ein Begriff für eine kulturelle Organisationsform, eine soziale Beziehung, einen institutionellen Status oder eine künstlerische Praxis kann zwar eine grammatische Entsprechung besitzen, ohne deshalb kulturell vollkommen gleichbedeutend zu sein.

Das Problem liegt dann nicht darin, dass Übersetzung unmöglich wäre.

Es besteht vielmehr darin, dass eine scheinbare Äquivalenz wichtige Unterschiede zwischen zwei Kontexten verdecken kann.

Übersetzen verlangt in solchen Fällen die Entscheidung darüber, was erklärt werden muss, damit Leserinnen und Leser nicht nur den Begriff, sondern auch das Bezugssystem verstehen, zu dem er gehört.

Diese Form der Kontextualisierung ist besonders wichtig in kulturellen Publikationen, Ausstellungen, internationalen Kooperationen und redaktionellen Projekten, die Inhalte zwischen mehreren sprachlichen Räumen zirkulieren lassen.

Sprachen sind in kulturellen Zirkulationen unterschiedlich positioniert

Nicht alle Sprachen verfügen über dieselbe Präsenz in internationalen Räumen von Publikation, Forschung, Vermittlung oder kultureller Verbreitung.

Diese Unterschiede beeinflussen die Zirkulation von Narrativen.

Wenn eine Sprache innerhalb internationaler institutioneller oder medialer Netzwerke eine starke Position einnimmt, verfügen Inhalte, die in dieser Sprache produziert werden, häufig über größere Möglichkeiten der direkten Verbreitung. Andere Inhalte müssen zunächst übersetzt werden, um Zugang zu denselben Räumen zu erhalten.

Das bedeutet nicht, dass Übersetzung automatisch kulturelle Dominanz erzeugt.

Es zeigt jedoch, dass internationale Zirkulation auch von sprachlichen Infrastrukturen abhängt: Übersetzungskapazitäten, redaktionellen Ressourcen, Publikationsnetzwerken, professionellen Kompetenzen und institutionellen Entscheidungen.

Die entscheidende Frage lautet dann weniger, ob ein Inhalt übersetzt werden kann, sondern unter welchen Bedingungen er zugänglich, sichtbar und interpretierbar wird.

Übersetzung und die Herstellung von Sichtbarkeit

Diese Mechanismen werden in kulturellen und redaktionellen Räumen besonders deutlich.

Bereits die Entscheidung, ein Werk, einen Katalog, einen Artikel, ein Interview oder ein institutionelles Programm zu übersetzen, trägt zur Herstellung von Sichtbarkeit bei.

Nicht alles kann gleichzeitig übersetzt werden.

Akteure treffen daher Entscheidungen darüber, welchen Inhalten Zeit, Ressourcen und Verbreitungsräume gewidmet werden.

Übersetzung ist somit Teil einer breiteren Vermittlungskette: auswählen, übersetzen, kontextualisieren, redigieren, veröffentlichen und verbreiten.

In jeder dieser Phasen wird entschieden, was gezeigt werden soll und auf welche Weise es für ein neues Publikum aufbereitet wird.

Die internationale Sichtbarkeit eines kulturellen Narrativs hängt folglich nicht nur von seiner Existenz ab, sondern auch vom Vorhandensein von Strukturen, die es über seinen ursprünglichen Entstehungskontext hinaus lesbar machen.

Europa–Afrika: Auch Kategorien müssen übersetzt werden

Diese Frage wird in den Kulturbeziehungen zwischen Europa und Afrika besonders sensibel.

Der Austausch bringt nicht nur mehrere Sprachen miteinander in Kontakt. Er konfrontiert zugleich unterschiedliche institutionelle Geschichten, professionelle Kategorien und kulturelle Traditionen, die sich nicht zwangsläufig decken.

Begriffe, die auf den ersten Blick gemeinsam erscheinen – Kulturinstitution, Kulturerbe, unabhängige Szene, Vermittlung, Gemeinschaft oder öffentlicher Raum – können je nach geografischem und institutionellem Kontext sehr unterschiedliche Realitäten bezeichnen.

Eine rein lexikalische Übersetzung kann daher eine Illusion von Gleichheit erzeugen.

Vermittlung besteht vielmehr darin, die unterschiedlichen Kontexte hinter scheinbar identischen Begriffen sichtbar zu machen.

Diese Aufmerksamkeit ist besonders wichtig, wenn Narrative in Räumen zirkulieren, deren historische und institutionelle Beziehungen bereits von Asymmetrien geprägt sind.

Es geht nicht darum, jede Übersetzung als Ausdruck von Dominanz zu verstehen, sondern darum anzuerkennen, dass Übersetzen immer eine Position, ein Publikum und einen konkreten Zirkulationsrahmen voraussetzt.

Von der Übersetzung zur kontextbezogenen Adaption

Diese Unterscheidung führt dazu, die Vorstellung zu hinterfragen, eine Publikation müsse in jeder Sprache identisch reproduziert werden.

In manchen Fällen genügt eine weitgehend direkte Übersetzung.

In anderen ist eine kontextbezogene Adaption notwendig: eine unbekannte Referenz zu erläutern, eine institutionelle Kategorie umzuformulieren, Informationen anders zu ordnen oder zusätzliche Hinweise einzufügen, damit ein neues Publikum versteht, was in der Ausgangsversion implizit bleiben konnte.

Ziel ist nicht, unterschiedliche Texte zu produzieren, die sich in ihrer Aussage voneinander entfernen.

Es geht vielmehr darum, intellektuelle Kohärenz zu bewahren und zugleich anzuerkennen, dass Leserinnen und Leser nicht mit denselben Voraussetzungen an einen Text herantreten.

Übersetzung wird damit zu einer situierten redaktionellen Praxis.

Sie zielt weniger auf vollständige Identität zwischen mehreren Sprachversionen als auf die Aufrechterhaltung einer sinnvollen Beziehung zwischen unterschiedlichen sprachlichen Kontexten.

Kommunizieren, ohne Unterschiede auszulöschen

Interkulturelle Kommunikation setzt daher nicht voraus, alle Unterschiede zu beseitigen.

Sie verlangt vielmehr die Fähigkeit zu erkennen, welche Unterschiede sichtbar bleiben sollten.

Vermittlung bedeutet nicht zwangsläufig, eine fremde Realität vollständig vertraut zu machen. Sie kann auch eine gewisse Distanz bewahren und gleichzeitig genügend Kontext bereitstellen, um verständlich zu machen, warum diese Distanz besteht.

Dadurch verändert sich die Funktion von Übersetzung.

Sie ist nicht nur ein Instrument zur Erleichterung von Zirkulation, sondern eine Praxis, die Beziehungen zwischen mehreren Referenzwelten organisiert.

Diese Verantwortung betrifft nicht nur Übersetzerinnen und Übersetzer, sondern ebenso Kulturinstitutionen, Medien, Kuratorinnen und Kuratoren, Verlage und alle Akteure, die Narrative für ein Publikum in anderen kulturellen Kontexten zugänglich machen.

Fazit

Die internationale Zirkulation kultureller Inhalte hängt nicht allein davon ab, sprachliche Grenzen zu überwinden.

Sie hängt ebenso davon ab, wie ihre Kontexte, Kategorien und Referenzen verständlich gemacht werden.

Übersetzen bedeutet daher, fortlaufend zwischen Genauigkeit, Lesbarkeit und Kontextualisierung zu vermitteln.

Dieser Prozess findet in Räumen statt, in denen Möglichkeiten der Verbreitung und Anerkennung ungleich verteilt bleiben. Deshalb ist nicht nur zu betrachten, welche Wörter zirkulieren, sondern auch welche Strukturen diese Zirkulation ermöglichen.

Jenseits sprachlicher Äquivalenz erscheint Übersetzung damit als Form kultureller Vermittlung: als Praxis, die unterschiedliche Räume miteinander verbinden kann, ohne vorauszusetzen, dass sie vollständig auf dieselben Kategorien reduziert werden können.

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