Rieselfeld in Freiburg: Klanggeschichten und die Entstehung eines Stadtteilgedächtnisses

Menschen auf dem Maria-von-Rudloff-Platz vor dem Glashaus im Freiburger Stadtteil Rieselfeld.

Ein Stadtteil wird nicht in dem Moment zu einer Gemeinschaft, in dem seine Gebäude fertiggestellt sind.

Es braucht Zeit, bis Orte Bedeutungen erhalten, Gewohnheiten entstehen, bestimmte Wege vertraut werden und individuelle Erfahrungen beginnen, ein gemeinsames Gedächtnis zu bilden.

In Rieselfeld, einem seit den 1990er Jahren entwickelten Freiburger Stadtteil, besitzt dieser Prozess eine Besonderheit: Ein Teil der Menschen, die die frühen Jahre des Viertels erlebt und mitgestaltet haben, kann diese Entwicklung noch selbst erzählen.

In diesem Zusammenhang startete K.I.O.S.K. im Rieselfeld e.V. im Jahr 2021 anlässlich seines 25-jährigen Bestehens die Gesprächsreihe „Wir sind Rieselfeld“.

Langjährige und später zugezogene Bewohnerinnen und Bewohner berichten darin von ihrer Beziehung zum Stadtteil, ihrem Alltag, ihren Wahrnehmungen und von Veränderungen, die sie im Laufe der Zeit beobachtet haben.

Diese Gespräche werfen eine weiterführende Frage auf:

Wie beginnt ein vergleichsweise junger Stadtteil, sein eigenes Gedächtnis hervorzubringen?

Ein Stadtteil und seine soziale Infrastruktur wachsen gemeinsam

Die Geschichte Rieselfelds ist besonders, weil sich seine städtebauliche Entwicklung relativ genau datieren lässt.

Nach dem städtebaulichen Wettbewerb von 1992 und dem Beginn der Erschließungsarbeiten wurden 1996 die ersten Wohnungen bezogen.

Im selben Jahr begannen auch die ersten Aktivitäten von K.I.O.S.K. im Stadtteil.

Der Name verweist auf das ursprüngliche Programm:

Kontakt.

Information.

Organisation.

Selbsthilfe.

Kultur.

K.I.O.S.K. ist damit keine Kultur- oder Sozialstruktur, die nachträglich in einen bereits fertigen Stadtteil eingezogen ist.

Die Geschichte des Vereins beginnt zu einem Zeitpunkt, an dem auch der Stadtteil selbst erst zu einem bewohnten Raum wurde.

Diese Gleichzeitigkeit ist wichtig.

Sie zeigt, dass der Bau von Wohnungen und die Entstehung sozialer Beziehungen zumindest teilweise als miteinander verbundene Prozesse verstanden wurden.

Wohnungen bauen heißt noch nicht, einen Stadtteil zu schaffen

Stadtplanung kann Wohnhäuser, Straßen, Schulen, Grünflächen, Geschäfte und Verkehrsanbindungen vorsehen.

Sie kann jedoch nicht automatisch Beziehungen zwischen den Menschen herstellen, die diese Räume später nutzen.

Ein Wohngebiet wird allmählich zu einem Stadtteil, wenn sich Praktiken stabilisieren.

Kinder benutzen bestimmte Wege.

Nachbarn lernen einander kennen.

Ein Café wird zum Treffpunkt.

Ein Markt schafft Gewohnheiten.

Ein Platz wird zu einem Orientierungspunkt.

Vereine entstehen.

Veranstaltungen wiederholen sich von Jahr zu Jahr.

Der Alltag verwandelt den Stadtplan in einen sozialen Raum.

Genau an diesem Punkt liegt die Bedeutung von Wir sind Rieselfeld.

Die Reihe dokumentiert etwas, das Planungsunterlagen nur schwer zeigen können: wie Menschen den Räumen, in denen sie leben, nach und nach Bedeutung verleihen.

„Wir sind Rieselfeld“: Bewohnerinnen und Bewohner hörbar machen

Die Reihe entstand im Rahmen des 25-jährigen Bestehens von K.I.O.S.K.

Das Projekt basiert auf kurzen Audiointerviews mit Menschen verschiedener Altersgruppen, von denen einige seit den Anfängen im Stadtteil leben und andere erst später hinzugekommen sind.

Die Gesprächsform ist dabei entscheidend.

Es geht nicht darum, eine offizielle Geschichte Rieselfelds festzuschreiben.

Mehrere Erfahrungen werden nebeneinandergestellt.

Der Stadtteil erscheint dadurch aus einer Vielzahl von Stimmen.

Jede Person spricht aus einer eigenen Position.

Wohndauer.

Alter.

Beruf.

Familiäre Situation.

Genutzte Orte.

Erfahrungen mit Nachbarschaft.

Diese Unterschiede stehen einem kollektiven Gedächtnis nicht entgegen.

Sie bilden dessen Material.

Das Gedächtnis eines jungen Stadtteils

Der Begriff „Erinnerung“ wird häufig mit weit zurückliegenden historischen Ereignissen, Denkmälern oder über Generationen hinweg bewahrten Spuren verbunden.

Rieselfeld erlaubt einen anderen Blick.

Der Stadtteil existiert erst seit wenigen Jahrzehnten.

Ein Teil der ersten Bewohnerinnen und Bewohner lebt noch dort.

Menschen können aus eigener Erfahrung erzählen, wie Bereiche des Viertels noch unfertig waren, wie Einrichtungen entstanden und wie die ersten Nachbarschaftsnetzwerke aufgebaut wurden.

Erinnerung beginnt also nicht erst, wenn Zeitzeugen verschwinden.

Sie kann dokumentiert werden, während sie sich bildet.

Diese zeitliche Nähe erzeugt ein besonderes Archiv.

Erinnerungen sind noch nicht vollständig in institutionelle Geschichte überführt.

Sie bleiben mit persönlichen und teilweise widersprüchlichen Erfahrungen verbunden.

Die Stimme als Dokument

Das Medium Audio fügt eine weitere Dimension hinzu.

Ein Text bewahrt Informationen.

Eine Aufnahme bewahrt zusätzlich eine Stimme.

Ein Tempo.

Pausen.

Eine Art zu erzählen.

Emotionen.

Betonungen.

Orale Erzählungen übermitteln dadurch Elemente, die eine reine Transkription kaum vollständig wiedergeben kann.

Das bedeutet nicht, dass ein Audiozeugnis eine objektive Darstellung des Stadtteils liefert.

Wie jede Erinnerung wählt es aus.

Manche Ereignisse werden erinnert, andere nicht.

Vergangenheit wird aus der Gegenwart interpretiert.

Zwei Personen können denselben Ort sehr unterschiedlich beschreiben.

Gerade deshalb ist die Vielzahl der Stimmen wichtig.

Sie verhindert, dass eine einzelne Erfahrung zur Geschichte des gesamten Stadtteils wird.

Bernd Kulow: den Stadtteil aus dem Alltag heraus beobachten

Zu den Gesprächspartnern gehört Bernd Kulow, unabhängiger Filmemacher und ehemaliger Journalist, der in Rieselfeld lebt.

Sein Blick eröffnet einen Zugang zum Stadtteil, der besonders sensibel für Fragen der Wahrnehmung und Repräsentation ist.

Im Gespräch erscheint Rieselfeld unter anderem über alltägliche Situationen: Treffpunkte, die Präsenz von Kindern, Nachbarschaftsbeziehungen und die Rolle verschiedener Orte für das gemeinsame Erleben des Stadtteils.

Die Stärke dieser Beobachtungen liegt in ihrer konkreten Ebene.

Es geht nicht um eine allgemeine Theorie der Stadt.

Es geht um Fragen wie:

Wo begegnet man sich?

Welche Orte nimmt man von einem Café aus wahr?

Wo können sich Kinder selbstständig bewegen?

Wann beginnt ein Mensch, einen Ort auch symbolisch als den eigenen zu betrachten?

Solche Fragen erzeugen eine andere Kartografie des Urbanen.

Eine gelebte Kartografie

Eine administrative Karte grenzt einen Stadtteil ab.

Sie zeigt Straßen und Grundstücke.

Eine subjektive oder erfahrungsbezogene Karte würde anders aussehen.

Sie würde Orte sichtbar machen, denen Bewohnerinnen und Bewohner besondere Bedeutung zuschreiben.

Den Platz, an dem man regelmäßig Nachbarn trifft.

Den Weg zur Schule.

Das Café, in dem man sich aufhält.

Den Park, der mit einer bestimmten Kindheitserfahrung verbunden ist.

Den Stadtteilmarkt.

Das Gebäude, in dem ein Verein Aktivitäten organisiert.

In Planungsunterlagen haben diese Orte nicht zwingend denselben Stellenwert.

In den Geschichten der Bewohner können sie jedoch zentral werden.

Die Audiointerviews machen diese zweite Geografie hörbar.

K.I.O.S.K. als Teil der Geschichte, die der Verein dokumentiert

Eine Besonderheit der Reihe verdient besondere Aufmerksamkeit.

K.I.O.S.K. ist kein externer Beobachter des Stadtteils.

Der Verein ist selbst Teil der Geschichte, die er dokumentiert.

Seit den Anfängen Rieselfelds hat er die Entwicklung des sozialen Gefüges begleitet.

Er unterstützte Initiativen, stellte Begegnungsräume bereit, wirkte an Angeboten für Kinder und Jugendliche mit, begleitete kulturelle Aktivitäten und entwickelte Formen der Stadtteilarbeit.

Wenn K.I.O.S.K. heute Erinnerungen an Rieselfeld sammelt, entsteht somit ein Archiv eines Prozesses, an dem der Verein selbst beteiligt war.

Diese Position sollte nicht versteckt werden.

Das Archiv ist nicht neutral.

Es entsteht aus dem Stadtteil heraus.

Das Glashaus als lokale Infrastruktur

Besonders sichtbar wird diese Beziehung rund um das Glashaus am Maria-von-Rudloff-Platz.

Das Gebäude bündelt verschiedene soziale und kulturelle Funktionen und bildet einen zentralen Treffpunkt im Stadtteil.

Mediathek.

Vereinsaktivitäten.

Café.

Veranstaltungen.

Stadtteilarbeit.

Die räumliche Nähe dieser Funktionen schafft eine Infrastruktur, die über die reine Bereitstellung von Dienstleistungen hinausgeht.

Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit von Begegnungen.

Ein Ort wird nicht nur deshalb kulturell, weil dort Veranstaltungen stattfinden.

Er wird kulturell, weil unterschiedliche Nutzungen gleichzeitig und wiederholt möglich werden.

Auch auf diese Weise entsteht Stadtteilgedächtnis.

Von Rieselfeld nach Dietenbach: Erfahrungen weiterdenken

Im Gespräch mit Bernd Kulow wird auch die Entwicklung des neuen Stadtteils Dietenbach angesprochen.

Der Vergleich ist besonders aufschlussreich.

Rieselfeld erlaubt heute mit mehreren Jahrzehnten Abstand zu beobachten, wie ein städtebauliches Projekt allmählich zu einem sozialen Raum wurde.

Dietenbach stellt dieselbe Frage für die Zukunft.

Wie lassen sich Bedingungen schaffen, in denen Menschen einander begegnen können?

Welche Rolle spielen Plätze?

Wo müssen wohnortnahe Treffpunkte entstehen?

Wie kann ein Stadtteil so lesbar werden, dass seine Bewohner ihn sich allmählich aneignen können?

Stadtplanung kann zentrale Orte und Einrichtungen vorsehen.

Die Erfahrung Rieselfelds zeigt jedoch, dass ihre physische Existenz allein nicht genügt.

Ein Treffpunkt wird erst dann wirklich zentral, wenn er genutzt, anerkannt und in alltägliche Routinen integriert wird.

Erfahrung weitergeben, ohne ein Modell zu konstruieren

Rieselfeld wird leicht als „Modell“ für andere Stadtteile bezeichnet.

Mit diesem Begriff sollte vorsichtig umgegangen werden.

Eine urbane Erfahrung lässt sich nie vollständig kopieren.

Bevölkerungsstrukturen verändern sich.

Ökonomische Bedingungen unterscheiden sich.

Politische Rahmenbedingungen entwickeln sich weiter.

Bedürfnisse sind nicht identisch.

Was Rieselfeld an Dietenbach weitergeben kann, ist daher keine Formel.

Es ist eine Erfahrung.

Sie zeigt unter anderem, dass die soziale Entwicklung eines Stadtteils langfristig begleitet werden muss und dass relationale Infrastrukturen ebenso wichtig sein können wie bauliche.

Der Podcast als Archiv

Wir sind Rieselfeld besitzt damit eine zweite Bedeutung, die über den Jubiläumsanlass hinausgeht.

Durch die Aufzeichnung dieser Gespräche entsteht nach und nach ein Audioarchiv.

Dieses Archiv unterscheidet sich von Verwaltungsdokumenten.

Eine Planungsakte informiert über Entwürfe.

Ein Protokoll dokumentiert Entscheidungen.

Statistiken beschreiben Bevölkerungsstrukturen.

Eine Fotografie zeigt einen Raum.

Ein mündliches Zeugnis lässt hören, wie jemand bestimmte Veränderungen erlebt hat.

Keine dieser Quellen ersetzt die andere.

Sie ergänzen einander.

Der Podcast fügt der Geschichte des Stadtteils eine besonders wichtige Ebene hinzu: gelebte Erfahrung.

Erinnerung darf nicht zum einzigen Narrativ werden

Das Sammeln von Bewohnerstimmen wirft zugleich Fragen auf.

Wer spricht?

Wer spricht nicht?

Welche Generationen sind vertreten?

Welche Lebenswege bleiben unsichtbar?

Ein partizipatives Projekt repräsentiert nicht automatisch die gesamte Bevölkerung.

Diese Grenze mindert seinen Wert nicht.

Sie erinnert vielmehr daran, dass kollektive Erinnerung immer aus einer Auswahl von Spuren entsteht.

Die Stärke der Reihe liegt daher weniger darin, „die“ Geschichte Rieselfelds zu erzählen, als darin, mehrere Geschichten nebeneinander zu bewahren.

Auch das Alltägliche dokumentieren

Ein besonders wichtiger Beitrag dieser Methode ist die Aufmerksamkeit für den Alltag.

Öffentliche Archive bewahren eher große Projekte, Entscheidungen, Eröffnungen und außergewöhnliche Ereignisse.

Das Leben eines Stadtteils besteht jedoch aus vielen Erfahrungen, die nie zu offiziellen Ereignissen werden.

Mit der Straßenbahn fahren.

Zum Markt gehen.

Ein Kind begleiten.

Jemanden auf einem Platz treffen.

Die Veränderungen einer Straße beobachten.

In einem Verein mitarbeiten.

Solche Praktiken lassen sich schwer archivieren.

Die mündliche Erzählung gibt ihnen zumindest zeitweise eine dokumentarische Form.

Erinnerung als kulturelle Beteiligung

Das Projekt zeigt schließlich, dass Erinnerungsarbeit nicht in einem Museum oder Archiv beginnen muss.

Sie kann aus einem Stadtteilverein heraus entstehen.

In diesem Fall wird das Erzählen selbst zu einer Form kultureller Beteiligung.

Ein Bewohner konsumiert nicht nur ein kulturelles Angebot.

Er liefert einen Teil des Materials, aus dem sich der Stadtteil selbst beschreibt.

Diese Logik passt zur Geschichte von K.I.O.S.K.

Seit seinen Anfängen versucht der Verein, Bedingungen zu schaffen, unter denen Bewohnerinnen und Bewohner an der sozialen und kulturellen Gestaltung Rieselfelds mitwirken können.

Der Podcast überträgt diese Idee auf das Feld der Erinnerung.

Fazit

Wir sind Rieselfeld kann auf den ersten Blick wie eine Podcastreihe erscheinen, die anlässlich eines Vereinsjubiläums entstanden ist.

Ihr Interesse geht jedoch deutlich darüber hinaus.

Die Reihe dokumentiert einen besonderen Moment in der Geschichte eines vergleichsweise jungen Stadtteils: den Zeitpunkt, an dem eine erste Generation von Erfahrungen beginnt, zu Erinnerung zu werden.

Rieselfeld wurde geplant.

Gebäude wurden errichtet.

Einrichtungen wurden eröffnet.

Doch der Stadtteil entstand ebenso durch Praktiken, Begegnungen, Engagement und Erzählungen der Menschen, die dort leben.

Indem K.I.O.S.K. einigen dieser Erfahrungen eine hörbare Form gibt, macht der Verein eine Dimension zugänglich, die in klassischen Stadtarchiven nur schwer zu erfassen ist: die schrittweise Verwandlung eines gebauten Raums in einen gelebten Ort.

Der Podcast erzählt daher nicht nur, was Rieselfeld ist.

Er trägt selbst dazu bei, wie sich der Stadtteil später an seine eigene Entwicklung erinnern kann.


Redaktioneller Hinweis — Dieser Artikel geht auf einen Text von Blaise Puala zurück, der ursprünglich am 9. Oktober 2022 auf Ciel-Bleu.org auf Grundlage der Gesprächsreihe „Wir sind Rieselfeld“ von K.I.O.S.K. im Rieselfeld e.V. veröffentlicht wurde. Für die Bibliothek Kultur Insights wurde er überprüft, überarbeitet und neu ediert, um seinen dokumentarischen Wert zu bewahren und zugleich die Perspektive auf Bewohnererinnerung, Beteiligung und die soziale Entstehung eines Stadtteils zu vertiefen.

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