Carl-Schurz-Haus in Freiburg: 70 Jahre transatlantischer Dialog und Ideen im Austausch

Ausstellung in der Eingangshalle des Freiburger Amerikahauses, des späteren Carl-Schurz-Hauses, im Jahr 1969.

Eine Kulturinstitution lässt sich nicht allein an der Dauer ihres Bestehens messen.

Ihre Geschichte gewinnt vor allem dann Bedeutung, wenn sich daran erkennen lässt, was ein Ort weiterhin ermöglicht: Begegnungen, Debatten, Lernen, Wissensaustausch und die Konfrontation unterschiedlicher Perspektiven.

Vom 13. bis 16. Oktober 2022 feierte das Carl-Schurz-Haus / Deutsch-Amerikanische Institut in Freiburg sein 70-jähriges Bestehen mit dem Festival „Democratic Vistas“.

Vorträge, eine Fotoausstellung, transatlantische Debatten, Begegnungen, Musik, eine geöffnete Bibliothek und Angebote für unterschiedliche Publikumsgruppen bildeten ein Programm, das weit über eine institutionelle Jubiläumsfeier hinausging.

Der Jahrestag bot damit Anlass für eine grundlegendere Frage:

Was leistet eine internationale Kulturinstitution heute, wenn sie nicht nur ein Land repräsentiert, sondern konkrete Räume schafft, in denen Ideen zwischen unterschiedlichen Öffentlichkeiten zirkulieren können?

Vom Amerika-Haus zum Carl-Schurz-Haus

Die Geschichte des Carl-Schurz-Hauses beginnt 1952.

Als Amerika-Haus in Freiburg gegründet, gehörte es zum institutionellen Umfeld der Nachkriegszeit, in dem der Zugang zu amerikanischer Kultur, Information, Bildung und demokratischen Ideen gefördert werden sollte.

Zu den charakteristischen Formaten dieser frühen Phase gehörte ein Bookmobile – eine mobile Bibliothek, die englischsprachige Bücher in Schulen in Freiburg und in umliegende Gemeinden brachte.

Dieses Beispiel ist aufschlussreich.

Kulturelle Zirkulation bedeutete bereits damals nicht nur, Menschen in eine Institution einzuladen.

Die Institution selbst brachte Ressourcen zu unterschiedlichen Öffentlichkeiten.

1962 wurde das Haus zu einem binational getragenen Zentrum, an dem deutsche und amerikanische Partner beteiligt waren.

1969 erhielt es den Namen Carl-Schurz-Haus.

Diese Entwicklung verweist auf eine grundlegende Transformation: von einem zunächst stark mit amerikanischer Kulturvermittlung verbundenen Ort hin zu einer Institution des deutsch-amerikanischen Dialogs, die zunehmend in die Freiburger Kulturlandschaft eingebettet wurde.

Ein Jubiläum mit Blick auf die Gegenwart

Siebzig Jahre später beschränkte sich Democratic Vistas nicht auf eine Rückschau.

Das Festivalprogramm war weitgehend auf gegenwärtige Fragen ausgerichtet.

Die Eröffnungsrede der US-Botschafterin in Deutschland, Amy Gutmann, thematisierte gemeinsame Verantwortung für die Zukunft.

Am folgenden Tag eröffnete die Fotoausstellung Hometown von Barbara Peacock einen anderen Zugang: die Darstellung einer amerikanischen Gemeinschaft über mehrere Jahrzehnte alltäglichen Lebens.

Am Samstag brachte ein „Pop-Up Think Tank“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Medienschaffende, politische Akteure und Intellektuelle zu Themen wie Demokratie, Repräsentation, rassistischen Ungleichheiten, dem Krieg gegen die Ukraine und politischen Narrativen in den Vereinigten Staaten zusammen.

Am Sonntag erweiterte ein Tag der offenen Tür das Programm um Familien, Kinder, Leserinnen und Leser sowie Besucherinnen und Besucher, die nicht primär aus akademischen Kontexten kamen.

Gerade diese Vielfalt der Formate ist entscheidend.

Sie zeigt, dass eine Kulturinstitution nicht nur ein einziges Publikum hervorbringt.

Eine Institution als Infrastruktur der Zirkulation

Der Ausdruck „Zirkulation von Ideen“ bleibt abstrakt, solange man nicht betrachtet, welche konkreten Strukturen sie ermöglichen.

Ein Vortrag erzeugt eine bestimmte Beziehung zwischen einer eingeladenen Person und einem Publikum.

Eine Fotoausstellung organisiert eine Begegnung zwischen Bildern, Erzählungen und Besuchenden.

Eine Podiumsdiskussion bringt mehrere Positionen miteinander in Kontakt.

Eine Bibliothek ermöglicht eine stärker selbstbestimmte und langfristige Auseinandersetzung.

Ein Angebot für Kinder schafft wiederum eine andere Form kultureller Aneignung.

Diese Formate erfüllen unterschiedliche Funktionen.

In ihrer Verbindung verwandeln sie eine Institution jedoch in eine Infrastruktur der Zirkulation.

Ideen bewegen sich nicht nur zwischen zwei Ländern.

Sie bewegen sich auch zwischen Medien, Generationen und unterschiedlichen Öffentlichkeiten.

Transatlantischer Dialog ist mehr als Freundschaftsrhetorik

Der Begriff „deutsch-amerikanischer Dialog“ kann leicht auf eine diplomatische Formel reduziert werden.

Interessant wird ein Dialograum jedoch gerade dann, wenn dort auch Konflikte, Krisen und Widersprüche thematisiert werden können.

Das Jubiläumsprogramm von 2022 zeigte dies deutlich.

Die Diskussionen befassten sich nicht ausschließlich mit den Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten.

Sie behandelten Demokratie, politische Repräsentation, Ungleichheit, Krieg, historische Narrative und innere Spannungen demokratischer Gesellschaften.

Damit verändert sich die Funktion der Institution.

Es geht nicht mehr nur darum, die Kultur eines anderen Landes vorzustellen.

Es geht ebenso darum, Räume zu schaffen, in denen über Probleme gesprochen werden kann, die mehrere Gesellschaften betreffen oder unterschiedlich interpretiert werden.

„Democratic Vistas“: Demokratie zum Gegenstand der Diskussion machen

Der Titel des Festivals war nicht zufällig gewählt.

Democratic Vistas verweist auf Walt Whitman und auf eine lange amerikanische Tradition, über Versprechen und Widersprüche der Demokratie nachzudenken.

Das Programm vom 15. Oktober griff diese Fragestellung ausdrücklich auf.

Ein Gespräch über Thomas Mann, Walt Whitman und Demokratie eröffnete den Tag.

Weitere Beiträge behandelten die politische Repräsentation von Frauen, das Verhältnis zwischen Recht und rassistischer Gleichstellung, den russischen Krieg gegen die Ukraine sowie historische Narrative in der politischen Kultur der Vereinigten Staaten.

Der kulturelle Wert eines solchen Programms liegt gerade in diesen Verbindungen.

Literatur.

Geschichte.

Recht.

Journalismus.

Politik.

Internationale Beziehungen.

Diese Bereiche werden Teil eines gemeinsamen Diskussionsraums.

Eine Kulturinstitution produziert keinen Konsens

Der Begriff „Dialog“ kann den Eindruck erwecken, Kulturinstitutionen hätten die Aufgabe, unterschiedliche Positionen miteinander zu versöhnen.

Das muss nicht ihre Funktion sein.

Ein kultureller Raum kann gerade deshalb relevant sein, weil er Meinungsverschiedenheiten sichtbar macht, ohne Begegnung auf Konfrontation zu reduzieren.

Ein Vortrag verpflichtet niemanden zu denselben Schlussfolgerungen.

Eine Ausstellung schreibt keine einzige Interpretation vor.

Eine Diskussion führt nicht automatisch zu Konsens.

Die Institution schafft vielmehr materielle und intellektuelle Bedingungen für Auseinandersetzung.

Einen Raum.

Eine Zeit.

Eine Einladung.

Eine Moderation.

Ein Publikum.

Dokumentarische Ressourcen.

Erst diese konkreten Elemente machen Dialog möglich.

Kultur als Vermittlung zwischen unterschiedlichen Registern

Das Jubiläumsfestival zeigte außerdem, dass Dialog nicht ausschließlich über politische Sprache stattfindet.

Die Ausstellung Hometown von Barbara Peacock eröffnete einen anderen Zugang.

Über mehrere Jahrzehnte fotografierte Peacock Alltagsszenen, Feste, Familien und Veränderungen in ihrer Heimatstadt Westford im US-Bundesstaat Massachusetts.

Der Übergang von einer Demokratiedebatte zu einer Ausstellung über das alltägliche Leben in einer amerikanischen Kleinstadt ist nicht nebensächlich.

Er macht deutlich, dass politische Kultur nicht nur über Institutionen verstanden werden kann.

Sie entsteht auch in Lebensweisen, Bildern, sozialen Praktiken und alltäglichen Erzählungen.

Fotografie wird damit zu einem weiteren Medium der Vermittlung zwischen amerikanischen Erfahrungen und einem deutschen Publikum.

Internationaler Austausch entsteht auch außerhalb der Hauptstädte

Das Carl-Schurz-Haus befindet sich in Freiburg.

Auch dieser Umstand verdient Aufmerksamkeit.

Internationale Kulturbeziehungen werden häufig aus der Perspektive von Hauptstädten, Botschaften und großen nationalen Institutionen erzählt.

Ein erheblicher Teil kulturellen Austauschs entsteht jedoch in mittelgroßen Städten.

Freiburg verfügt über Universitäten, Kulturinstitutionen, Vereine, Forschende, internationale Studierende und zahlreiche grenzüberschreitende Netzwerke.

Das Carl-Schurz-Haus ist Teil dieser Geografie.

Es zeigt, dass transatlantischer Dialog nicht nur in Berlin oder Washington stattfindet.

Er kann sich langfristig auf der Ebene einer Stadt entwickeln.

Lokaler Ort, internationales Netzwerk

Diese Verbindung gehört zu den besonderen Eigenschaften von Kulturhäusern.

Sie sind physisch stark lokalisiert.

Eine Adresse.

Eine Bibliothek.

Veranstaltungsräume.

Ein Team.

Ein lokales Publikum.

Doch die Menschen, Texte und Debatten, die durch diese Räume zirkulieren, können aus weit entfernten Kontexten stammen.

Beim Festival Democratic Vistas wurden Perspektiven aus den Vereinigten Staaten, unterschiedlichen Hochschulen und internationalen Medien in ein Programm eingebunden, das in Freiburg öffentlich zugänglich war.

Das Lokale wird dadurch zum Zugang zu internationalen Fragen.

Die Distanz verschwindet nicht.

Sie wird bearbeitbar.

Unterschiedliche Öffentlichkeiten innerhalb einer Institution

Das Jubiläumsprogramm macht auch sichtbar, wie kulturelle Öffentlichkeiten entstehen.

Eine Eröffnungsveranstaltung mit der US-Botschafterin spricht nicht zwangsläufig dieselben Menschen an wie eine Fotoausstellung.

Eine ganztägige akademische Debatte erzeugt andere Erwartungen als ein Familienprogramm.

Eine Bibliothek wiederum ermöglicht andere Formen der Nutzung.

Die Vielfalt einer Kulturinstitution liegt daher nicht nur in der Anzahl ihrer Veranstaltungen.

Sie zeigt sich in ihrer Fähigkeit, unterschiedliche Zugänge anzubieten.

Manche Publika überschneiden sich.

Andere bleiben voneinander getrennt.

Die Institution kann dennoch einen gemeinsamen kulturellen Raum bilden, ohne von einem homogenen Publikum auszugehen.

Die Bibliothek als Kulturraum

Auch die Bibliothek verdient besondere Aufmerksamkeit.

Sie verweist auf einen weniger sichtbaren Teil kultureller Arbeit.

Eine Institution existiert nicht ausschließlich durch ihre Veranstaltungen.

Sie existiert auch durch Ressourcen, die zwischen diesen Veranstaltungen verfügbar bleiben.

Bücher.

Zeitschriften.

Archive.

Leseorte.

Beratung.

Sprachlernen.

Ein Vortrag dauert einige Stunden.

Eine Bibliothek ermöglicht eine wesentlich langfristigere Beziehung.

Auch diese Kontinuität trägt zur Zirkulation von Ideen bei.

Sprache und Zugang zum Austausch

Die sprachliche Dimension spielt ebenfalls eine zentrale Rolle.

Das Carl-Schurz-Haus verbindet Kultur, Information und Englischlernen.

Dadurch entsteht eine besondere Beziehung zwischen Sprache und kultureller Teilhabe.

Eine andere Gesellschaft zu verstehen hängt häufig vom Zugang zu ihren Texten, Debatten, Werken und Ausdrucksformen in der Originalsprache ab.

Gleichzeitig verlangt Vermittlung danach, Inhalte für Menschen mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen zugänglich zu machen.

Kulturhäuser bewegen sich deshalb fortlaufend zwischen mehreren Ebenen:

Originalsprache,

Übersetzung,

Erklärung,

Kontextualisierung

und Spracherwerb.

Diese sprachliche Arbeit liegt nicht neben dem kulturellen Austausch.

Sie gehört zu seinen grundlegenden Infrastrukturen.

Vermittlung zwischen Generationen

Angebote für Studierende, Kinder und Familien erinnern daran, dass internationaler Dialog auch eine generationelle Dimension besitzt.

Eine Institution, die 1952 gegründet wurde, vermittelt heute weder dieselben Inhalte noch auf dieselbe Weise wie zu Beginn.

Öffentlichkeiten verändern sich.

Medien verändern sich.

Politische Beziehungen verändern sich.

Auch die Fragen an Kulturinstitutionen verändern sich.

Vermittlung bedeutet daher nicht, ein altes Modell unverändert weiterzuführen.

Sie verlangt eine kontinuierliche Neuinterpretation der Funktion eines Ortes.

Diese Anpassungsfähigkeit trägt möglicherweise stärker zur institutionellen Langlebigkeit bei als bloße administrative Kontinuität.

Von kultureller Repräsentation zum Diskussionsraum

Die Geschichte der Amerika-Häuser macht diese Entwicklung besonders deutlich.

Ursprünglich waren diese Orte eng mit Informationen über die Vereinigten Staaten, Bibliotheksangeboten, Bildungsarbeit und der Kulturdiplomatie der Nachkriegszeit verbunden.

Das Carl-Schurz-Haus entwickelte sich schrittweise zu einem binationalen Zentrum mit stärkerer lokaler Eigenständigkeit.

Dadurch verändert sich die Form der kulturellen Beziehung.

Es geht nicht mehr ausschließlich darum, ein Bild der Vereinigten Staaten nach Deutschland zu vermitteln.

Der Austausch wird wechselseitiger.

Deutsche, amerikanische und europäische Perspektiven können miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Dialog ersetzt zunehmend eine einseitige Logik der Vermittlung.

Institutionelle Kontinuität bedeutet nicht Stillstand

Ein 70-jähriges Jubiläum könnte den Eindruck einer Institution vermitteln, die über Jahrzehnte hinweg unverändert geblieben ist.

Ihre Geschichte zeigt das Gegenteil.

Status änderte sich.

Name änderte sich.

Standort änderte sich.

Finanzierungsmodelle änderten sich.

Programme änderten sich.

Publika änderten sich.

Diese Fähigkeit zur Transformation bei gleichzeitiger Beibehaltung einer allgemeinen Dialogmission bietet eine andere Perspektive auf institutionelle Dauer.

Was fortbesteht, muss keine feste Form sein.

Es kann die Fähigkeit sein, die Mittel einer Mission immer wieder neu zu konfigurieren.

Was eine Institution möglich macht

Die entscheidende Frage lautet daher vielleicht nicht, wie viele Veranstaltungen ein Kulturhaus produziert.

Wichtiger ist, welche Beziehungen diese Veranstaltungen ermöglichen.

Zwischen Künstlerinnen und Künstlern und Öffentlichkeit.

Zwischen Wissenschaft und Studierenden.

Zwischen Sprachen.

Zwischen Generationen.

Zwischen Geschichte und Gegenwart.

Zwischen einer Stadt und internationalen Netzwerken.

Aus dieser Perspektive ist die Institution nicht nur eine Veranstalterin.

Sie wird zur Vermittlerin.

Sie organisiert Situationen, in denen bestimmte Formen von Zirkulation überhaupt erst möglich werden.

Fazit

Das 70-jährige Jubiläum des Carl-Schurz-Hauses in Freiburg bietet ein besonders geeignetes Beispiel, um die heutige Rolle eines internationalen Kulturhauses zu untersuchen.

Das Festival Democratic Vistas vereinte innerhalb weniger Tage mehrere Funktionen, die das Haus im Laufe seiner Geschichte entwickelt hat:

vermitteln,

dokumentieren,

bilden,

ausstellen,

debattieren,

vernetzen

und Räume für Teilhabe öffnen.

Die Bedeutung des Ortes liegt daher nicht allein in seiner Langlebigkeit.

Sie liegt in der Kontinuität, mit der eine lokale Infrastruktur Fragen aufnehmen kann, die weit über ihr unmittelbares Territorium hinausreichen.

In Freiburg erhält transatlantischer Dialog dadurch eine konkrete Form: Menschen treffen sich in einem Raum, betrachten Fotografien, nutzen eine Bibliothek, diskutieren unterschiedliche Vorstellungen von Demokratie oder begegnen anderen kulturellen Bezugspunkten.

Die „Zirkulation von Ideen“ ist dann keine abstrakte Formel mehr.

Sie besteht aus konkreten Situationen, Medien und Beziehungen, die durch einen Ort organisiert werden.

Gerade diese Fähigkeit ermöglicht es einer Kulturinstitution, auch jenseits ihres Jubiläums relevant zu bleiben.


Redaktioneller Hinweis — Dieser Artikel geht auf einen Text von Blaise Puala zurück, der ursprünglich am 17. Oktober 2022 auf Ciel-Bleu.org im Anschluss an das Festival „Democratic Vistas“ anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Carl-Schurz-Hauses in Freiburg veröffentlicht wurde. Für die Bibliothek Kultur Insights wurde der Text überprüft, überarbeitet und neu ediert, um seinen dokumentarischen Wert zu bewahren und das Ereignis zugleich in eine weiterführende Analyse von Kulturinstitutionen als Orten der Vermittlung und der Zirkulation von Ideen einzuordnen.

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